Rosarot

Simon ist dreizehn. Seine Mama hat sich vor 3 Jahren das Leben genommen.
Er wohnt in Süddeutschland und er ruft mich von Zeit zu Zeit an.
In der Coronazeit findet seine Trauergruppe nicht statt, nicht präsent und nicht online.
Nun reden und schreiben wir beide hin und wieder.
Karfreitagmorgen reden wir über seine Mama, die ihm so fehlt und für deren Tod er sich verantwortlich fühlt … denn hätte er einen Krankenwagen gerufen dann würde sie noch leben. Glaubt er.
Denn der Opa sagte zu ihm, dem damals Zehnjährigen: „WARUM hast du keinen Krankenwagen gerufen?“
Darüber sprechen wir, über den Opa, über Simons Gefühle, über Mamas Suizid und auf einmal fragt er: „Was glaubst du, wo meine Mama jetzt ist?“ „Was glaubst du?“ frage ich zurück.
„Ich weiß nicht, vielleicht ist sie ein Geist?“
„Ein Geist oder ein Gespenst?“ frage ich. Er lacht laut auf.
„Nein, ein Gespenst wäre gruselig, obwohl, als Geist ist es auch nicht so toll, wenn sie mir überall zugucken würde, auch beim Quatsch, den ich so manchmal mache.“
Pause.
Dann fragt er mich noch einmal: „Aber, was glaubst du, wo Tote sind?“
„Ich glaube, dass es einen Himmel gibt. Ich glaube, hoffe, weiß es aber nicht genau…“ Er unterbricht mich.
„In echt glaube ich das auch. In echt … ich wünsche mir auch, dass es einen Himmel gibt, aber eher so … so mädchenhaft.“
Er lacht verlegen. „So mädchenhaft, so in rosarotpink. Und keiner hat dort mehr Schmerzen, keiner ist mehr traurig. Die Toten fliegen da als Engel rum und die, die sich kennen, die quatschen miteinander.“
„Hey, Simon“, sage ich. „Rosarote Himmel sind nicht mädchenhaft. Weißt du, wenn man ab heute Jungen als Babys rosa und Mädchen blaue Sachen anziehen würde und sagen würde, das sind die typischen Farben für Jungs und Mädchen – dann würden das die meisten glauben, obwohl es Quatsch ist. Farben sind uns nicht angeboren.“
„Ach so“, sagt er. „Also, Rosa als Himmel wäre schon schön.“
„Mir gefiele es auch.“
Unser Gespräch fand am Karfreitag statt und es hat mich berührt.
Es hat mich berührt, dass im Lockdown an manchen Orten Trauerbegleitung ausfällt, dass ein 13 jähriger sich für den Tod der Mutter verantwortlich fühlt,
dass sein großer Bruder für einen Kontakt zwischen uns sorgt,
Omas und Opas Gedanken, die deutlich machen, wie wichtig Familientrauerbegleitung ist, und dass er überlegt, ob seine Oma, bei der er wohnt, vielleicht auch mal mit mir telefonieren könnte.
Denn wenn er von Mama sprechen möchte, sagt sie immer: „Ach lass, ist schon gut.“ „Aber so ist es nicht“, sagt Simon. „Oma ist auch traurig. Und es ist auch nicht gut.“
Und Simons Gedanken über eine mögliche Auferstehung im Himmel, der vielleicht rosarot ist gefällt mir, an diese Farbe hatte ich noch nie gedacht.
Ich krame Karsamstag in meinen Fotos und gebe als Stichwort „Himmel“ ein.
Dieses rosarote Himmelsfoto habe ich im letzten Jahr aus unserem Schlafzimmerfenster in Gelsenkirchen-Ückendorf gemacht. Es ist echt. Unbearbeitet.
Es ist so … himmlisch.
Ich wünsche uns allen gesegnete Ostern und wenn wir mögen, ganz viel rosarot um uns herum.
Und ja, Simon bekommt heute das Bild von mir zugeschickt. Als virtuelles Osterei mit ganz viel pink.

 

Danke für Eure einmaligen und andauernden Unterstützungen. Auch sie tragen dazu bei, dass wir im Lockdown DA sein können.
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Foto: Lavia

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