Die unsterbliche Qualle

Joshuas Papa starb, als er 2 Jahre alt war. Damals war er noch so klein, dass er noch nicht verstehen konnte, was es bedeutet, wenn ein Papa gestorben ist. Er war ab und zu mal traurig, wenn er ihn punktuell vermisste, aber meist verhielt er sich so, als sei nichts geschehen.

Nun ist er 6 Jahre alt und vermisst seinen Papa, an den er sich gleichzeitig kaum erinnern kann, sehr. Es macht ihn traurig, keinen Papa zu haben. Dass der Papa tot ist und deshalb nicht mehr wiederkommt, fängt er erst jetzt an zu verstehen.

Seine Mama kommt mit Tom ins LAVIAhaus zum Erstgespräch. „Ich verstehe nicht, warum Joshua jetzt erst seinen Papa vermisst“, sagt sie, als wir zusammen am Küchentisch sitzen.

Ich wende mich Joshua zu. „Weißt du“, sage ich. „Als du zwei Jahre alt warst, konntest du noch nicht wissen, was „tot sein“ ist. Da warst du ja fast noch ein Baby und da weiß man noch nicht, was Sterben ist. Aber jetzt bist du schon sechs Jahre alt, du gehst schon zur Schule und wenn man größer ist, dann wird das Gehirn auch größer, man lernt immer mehr dazu und weiß dann auch mehr. Du weißt jetzt zum Beispiel, was das heißt, wenn jemand tot ist. Das er nicht nur etwas weg ist sondern für immer und ewig. Und wenn man das versteht, dann machten einen das meist erst mal feste traurig. Mit sechs Jahren wissen fast alle Kinder, dass alles was lebt einmal stirbt…“ Er nickt feste und sagt dann: „Ja. Bis auf die unsterbliche Qualle!“

„Nein, Quallen müssen auch sterben“, sage ich. Joshua schüttelt den Kopf. „Nein, die unsterbliche Qualle nicht. Das habe ich im Fernsehen gesehen.“ „Im Fernsehen da zeigen sie manchmal so Sachen“, erkläre ich, „das sind Trickfilme. Da stirbt einer und zack, auf einmal lebt er wieder. Aber in echt gibt es sowas nicht.“ „Doch!“ beharrt der kleine Kerl.

Seine Mutter ist etwas peinlich berührt, auch sie versucht Joshua zu erklären, dass es unsterbliche Quallen nicht wirklich gibt. Ich starte noch mal von vorne: „Menschen, Blumen und Tiere leben und sterben eines Tages. Eine Qualle ist ja ein Tier, deshalb muss sie leider auch sterben…“ Joshua schüttelt den Kopf und ich merke, dass wir uns hier grade an einer Sache festbeißen, die ja eigentlich gar nicht Mittelpunkt unseres Treffens war. Um das Thema zu beenden – und auch wahrscheinlich, um ihn zu überzeugen, dass ich Recht habe – hole ich mein Handy raus und sage: „Weißt du was? Jetzt googlen wir mal. Ich gebe ein „unsterbliche Qualle“ und muss dabei grinsen, weil es sich so unwirklich anfühlt, dass ich nach etwas google, dessen Ergebnis ich doch sowieso schon weiß. Und dann … dann lese ich, dass die Mittelmeerqualle Turritopsos nutricula den Alterungsprozess umkehren und nach heutigen Erkenntnissen ewig leben kann. Sobald die Qualle älter wird und ihre Zellen nicht mehr optimal arbeiten, sinkt sie zu Boden und führt eine Verjüngungskur durch. Die Zellen verlieren ihre Funktionen, die sie bis zum jetzigen Zeitpunkt hatten und gehen in ihr Ausgangsstadium wie in jüngster Kindheit zurück. Wenn die Qualle nicht an Land gespült und nicht gefressen wird, kann sie nach heutigem Wissensstand ewig leben.

„Siehst du“, sagt Joshua und schaut seine Mama und mich triumphierend an. „Wusste ich doch!“
Ja, und ich gebe zu, dass ich das noch nie gehört habe, überrascht bin und damit jetzt andere zum Staunen bringe.

Letztens haben wir mit einer Trauergruppe ein Quiz gespielt. Tja, glaubt Ihr mir, dass das mit der „unsterblichen Qualle“ kaum jemand glauben wollte?

Danke Joshua, dass ich das mit der Qualle von dir gelernt habe und auch, dass ich heute eher nachfrage, woher jemand eine unglaubliche Info hat und auch schneller nachgoogle, anstatt lange dagegen anzuhalten, weil ich es mir nicht vorstellen kann.

Übrigens: Viele Forscher versuchen herauszufinden, was für Quallen-Gene das sind und ob man davon etwas auf den Menschen übertragen kann. Es ist wohl der Traum vom Jungbrunnen.
Wie schön manchmal der Gedanke, aber auch gleichzeitig wie entsetzlich: es gibt Menschen, da bin ich sehr dankbar, dass eines Tages zumindest der Kreislauf des Lebens für einen gnädigen Tod (gnädig auch für die Menschheit drumherum) sorgt. Wie schrecklich die Vorstellung, da käme so jemand wie neugeboren daher …

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